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Migräne: Entstehungstheorien und osteopathische Ansätze

[16.06.2018]

Patienten helfen, Krisenzeiten stabiler durchzustehen
 
von Sandra Pucher
aus: Naturheilkunde Journal, Heft Juni 2018
 
Lange Zeit galt die Migräne als erfundenes Leiden der feinen Damen und dieses zweifelhafte Image einer Krankheit, die keine ist, haftet ihr zum Teil bis heute noch an. Im Laufe der Geschichte der Medizin wurde der Migräne mit Bohrern, Nadeln, Schlafmohn, Kaliumcyanid, Brechnuss, Tollkirsche, Fingerhut, Quecksilber und Mutterkorn zu Leibe gerückt. Doch immer noch werden ungefähr 10 % der Menschen von diesem weitgehend ungeklärten Schmerzsyndrom gequält.
 
Bereits im altägyptischen Papyrus Ebers, ca. 1500 v. Chr., wird sie als die „Krankheit der Hälfte des Kopfes„ beschrieben. Als Heilmittel wird ein in Öl zerkochter Fischschädel empfohlen, mit dem man den Kopfsalben soll oder ein um den Kopf gebundenes, mit Kräutern gefülltes kleines Krokodil.
 
Vermutlich dienten bereits im Neolithikum Schädelöffnungen dazu, den unerträglichen Druck im Kopf bei Migräne zu lindern. Hippokrates machte „Dämpfe, die vom Magen in den Kopf aufsteigen“ für die einseitigen pochenden Kopfschmerzen verantwortlich und Galen sah den Verursacher in der „übermäßigen aggressiven Galle“. Erich Kästner schließlich schrieb: „Migräne sind Kopfschmerzen, auch wenn man gar keine hat“.
 
Moderne Migränetherapie
In der modernen Migränetherapie werden gelegentliche Attacken mit NSAR wie Aspirin, Ibuprofen, Paracetamol, Metamizol als Einzelpräparat oder auch in Kombination, teilweise zusammen mit dem Wirkungsverstärker Koffein behandelt. Gegen die Übelkeit können Mittel wie Dimenhydrinat oder Metoclopramid eingesetzt werden. Mit den sog. Triptanen ist in den letzten Jahren ein Durchbruch in der Migränetherapie gelungen. Dabei handelt es sich nicht um Gefäßstabilisatoren, die die Dilatation der Hirngefäße verhindern und von vielen Patienten in der Akutphase gut vertragen werden.
 
Bei häufigen Migräneattacken, die über zehn Schmerztage im Monat hinausgehen, rät man aufgrund der Gefahr des Medikamentenübergebrauchkopfschmerzes (MÜK) zur Prophylaxe. Hierzu zählen in erster Linie Betablocker, insbesondere wenn die Migräne mit erhöhtem Blutdruck einhergeht. Mittel zweiter Wahl sind Antikonvulsiva, also Medikamente, die auch bei der Epilepsie eingesetzt werden, wie z. B. Topiramat oder Valproat. Trizyklische Antidepressiva gehören ebenfalls zu den Mitteln zweiterWahl, da sie eine schmerzlindernde Wirkung haben und bei einer gemeinsam auftretenden Depression hilfreich sein können. Natürlich besitzen alle Medikamente unterschiedliche Nebenwirkungen.
 
Weit mehr als nur Kopfschmerzen
Heute weiß man, dass Migräne eine ernstzunehmende neurologische Erkrankung ist, die weit mehr als nur starke Kopfschmerzen beinhaltet. Sie zählt zu den sogenannten zerebralen Anfallsleiden und gehört damit in die gleiche Kategorie wie die Epilepsie.
 
Übelkeit, Erbrechen, Lichtempfindlichkeit, Geräuschempfindlichkeit, Tinnitus, Schwindel, Sehstörungen bis hin zu völliger vorübergehender Blindheit, Benommenheit, Sprachstörungen, motorische Störungen, sogar Lähmungserscheinungen können mit den heftigen, meist einseitigen Schmerzattacken auftreten. Auch Migräneattacken ganz ohne Schmerzen gibt es. Die Attackenfrequenz reicht von mehrmals im Jahr bis mehrmals im Monat und kann von einem halben Tag bis zu drei Tagen dauern. Der schlimmste Fall ist der sog. Status migraenosus, eine Migräne, die praktisch nicht mehr aufhört.
 
Oft beobachten Betroffene, dass sie auf bestimmte Auslöser wie Stress, starke Gerüche, Wetterumschwünge oder auch bestimmte Nahrungsmittel wie reifer Käse, Schokolade, Essig, Nüsse oder Rotwein – sogenannte „Trigger“ – mit einer Attacke reagieren. Dies führt meist zu der Annahme, dass diese Dinge die Ursache der Migräne seien. Studien zeigen aber, dass viele Migränebetroffene in der Vorphase zur Migräne Heißhunger auf bestimmte Nahrungsmittel entwickeln und in der Folge diese als Auslöser interpretieren. Außerdem scheint Migräne zyklisch zu verlaufen und sogenannte stabile Phasen und labile Phasen aufzuweisen, also Phasen, in denen es besonders leicht zu einer Attacke kommt und Phasen, in denen selbst bekannte Trigger keine Attacke auslösen.
 
Erklärungsmodelle: Der Migräne-Motor
Das Migräne-Motor-Modell geht davon aus, dass sich im Hirnstamm ein Konglomerat aus hypersensiblen Schmerzrezeptoren befindet, das extrem empfindlich auf Reize reagiert und mit jeder Attacke noch empfindlicher wird. Diese vermehrte Durchblutung reizt Fasern des Trigeminus-Nervs, der daraufhin Schmerzreize an das Gehirn sendet. Das führt zu einer Ausdehnung weiterer Blutgefäße im Gehirn, welches dann anschwillt. So entsteht vermehrter Hirndruck und in der Folge die typischen Hirndrucksymptome wie Übelkeit, Sehstörungen, Erbrechen, Schwindel oder Tinnitus. Der ganze Vorgang wird als neurovaskuläre Reaktion bezeichnet.
 
Migräne – ein schmerzhafter Dominoeffekt?
Eine weitere Theorie ist die sogenannte Streudepolarisation. Demnach befindet sich das Gehirn in einem ständigen Metazustand, d.h., jede Nervenzelle ist bestrebt, ihr Aktionspotential aufrecht zu erhalten, damit sie jederzeit aktiv werden kann. Gibt sie dieses Aktionspotential an eine nächstliegende Nervenzelle ab, erstellt sie schnell ein neues. Damit bleibt das Nervensystem praktisch immer einsatzbereit.
 
Anders bei Menschen mit Migräne, bei denen kurz vor einer Attacke ein pathologischer Dominoeffekt entsteht, den man eben Streudepolarisation nennt. Dabei kommt es zu einer unerklärlichen, schlagartigen Entladung der Nervenzellen, die aber in diesem Entladungszustand länger als üblich verbleiben, also depolarisiert sind. Als Ursache werden lokale biochemische Dysbalancen im Gewebe angenommen. Die Streudepolarisation ist möglicherweise auch ein wesentlicher Risikofaktor für den Schlaganfall beim Migränepatienten, deren Apoplexrisiko ungleich höher ist als bei Gesunden.
Die Theorie der Streudepolarisation gibt es seit rund fünf Jahrzehnten, fand aber lange Zeit kaum Beachtung und blieb höchst umstritten. Erst als die Streudepolarisation durch ein Elektrokortikogramm sichtbar gemacht werden konnte, war die Theorie plötzlich wieder aktuell und lieferte neue Denkansätze in der Migräne- und Schlaganfallforschung.
 
Mögliche Ursache: Defekte Mitochondrien
Wie lässt sich nun die Theorie der Streudepolarisation mit der Migräne in Zusammenhang bringen und wie kommt es zu chemischen Dysbalancen im Gehirn? Eine mögliche Erklärung liefert eine weitere Theorie: eine lokale mitochondriale Dysfunktion in den Nervenzellen. Demnach führt eine abnorme Mitochondrienfunktion zu einer zu hohen intrazellulären Penetration von Calcium sowie einer übermäßigen Produktion von freien Radikalen und einer verringerten oxidativen Phosphorylierung, was letztendlich zu einem Energieversagen in den Neuronen und Astrozyten führt und somit eine Streudepolarisation auslösen kann.
 
Einen sicheren Beweis dafür wird man schwerlich erbringen können, denn dazu müssten isolierte Gewebeproben aus dem Gehirn Betroffener getestet werden, was praktisch unmöglich ist. So bleibt letztlich nur eine Diagnostik auf der Basis von therapeutischen Indizien. Dazu gehört z. B. das Ansprechen von Migräne auf die Gabe von Vitamin B2, Q10, L-Carnitin, Vitamin B3, Liponsäure, das Antikonvulsivum Topiramat, also Stoffe, die tatsächlich den mitochondrialen Energiestoffwechsel in der Zelle verbessern.
 
Der Energiestoffwechsel, der bislang nur wenig Berücksichtigung fand, liefert jedoch einen durchaus geeigneten Ansatzpunkt für eine Therapie aus naturheilkundlicher Sicht. Die Frage, wie der Mensch grundsätzlich mit seinen Energien besser haushalten kann, sowohl auf Zellebene, wie letztlich auch aus ganzheitlicher Sicht, gewinnt hier eine neue Tragweite. Stress bzw. starke Schwankungen des Stresslevels haben sich in Studien als ernstzunehmende Migränefaktoren erwiesen. Maßnahmen wie Meditation oder progressive Muskelentspannung haben bei regelmäßiger Anwendung eine nachgewiesene Wirkung auf die Häufigkeit von Migräneattacken und geben den Betroffenen zudem das Gefühl, ihrer Erkrankung weniger hilflos ausgeliefert zu sein und selbst etwas dagegen tun zu können. Jede Maßnahme, die auf den Energiestoffwechsel abzielt, wird letztlich auch auf die mitochondriale Dysfunktion einwirken und die gefürchtete Streudepolarisation möglicherweise verhindern.
 
Migräne aus der Sicht der Osteopathie
Gerade die Osteopathie kann bei der Migräne vielversprechende therapeutische Ansätze bieten. Sie ist durch ihre manuelle Diagnostik in der Lage, Stress im Körper zu lokalisieren und, was in diesem Fall unerlässlich ist, auch dem Patienten selbst bewusst zu machen. Spasmen, Verspannungen, Gewebedysfunktionen sind ein Indikator für Stress und hier ist nicht nur der subjektive empfundene Stress gemeint, sondern auch der oxidative Stress auf Zellebene.
Die vaskuläre Ver- und Entsorgung spielt in der Osteopathie eine entscheidende Rolle und nimmt auch unter den Migränefaktoren einen hohen Stellenwert ein. Stauungen im Bereich der hirnversorgenden Gefäße wie die Arteria carotis oder die Arteria vertebralis nahe der Halswirbelsäule, insbesondere an ihren Eintrittsstellen in den Schädel, sind echte Hot Spots, wenn es um Migränetherapie geht. Häufig finden sich an diesen Stellen bei Migränikern massive muskuläre Verspannungen und Gewebeverdichtungen, die nicht nur zu Stauungssymptomen führen, sondern auch zu Nervenkompressionen des N. occipitalis major und N. occipitalis minor. Sehr häufig zeigen sich in der Praxis auch Kieferdysfunktionen. Nächtliches Zähneknirschen oder -pressen reizen die Trigeminuswurzel nahe dem Kiefergelenk, das angesichts der Zugkraft des M. masseter massivem Druck ausgesetzt wird. Als Dura versorgender Nerv, verdient der Trigeminus besondere Aufmerksamkeit in der osteopathischen Behandlung.
 
Neben der strukturellen Arbeit bietet die Osteopathie auch einige neurologische Herangehensweisen, die unmittelbar den Energiehaushalt positiv beeinflussen können. Besonders die unterschiedlichen Techniken der Vagusstimulation stellen einemanuelle Alternative zur Transkutanen Elektrische Nervenstimulation (TENS) dar, die inzwischen vielfach bei derMigräne zur Vagus- oder Trigeminusstimulation erfolgreich eingesetzt wird, gerade bei Patienten, die eine medikamentöse Therapie schlecht vertragen oder aus gesundheitlichen Gründen (z. B. Schwangerschaft) nicht einsetzen können.
 
Migräne in der osteopathischen Praxis
Das folgende Beispiel stellt einen recht typischen Behandlungsverlauf für eine Migräne dar. Eine Reduktion der Attackenfrequenz und -stärke um die Hälfte kann durchaus erreicht werden. Bei leichteren Verlaufsformen der Migräne kann ich aus meiner persönlichen Erfahrung in Einzelfällen sogar von einer mehrmonatigen Attackenfreiheit berichten.
 
Fallbericht:
Renate S., zweifache Mutter, verheiratet und berufstätig, stellte sich in meiner Praxis mit einer episodischen linksseitigen Migräne mit Aura vor, die von Sehstörungen, Übelkeit und Lichtempfindlichkeit begleitet ist. Sie habe derzeit beruflich und privat sehr viel Stress, darum sei die Attackenzahl von sonst viermal im Jahr auf ca. einmal im Monat angestiegen und das nun seit gut sechs Monaten. Außerdem leide sie nun an chronischer Verstopfung mit Blähungen. In der Untersuchung ergab sich eine massive linksseitige Kontraktion der suboccipitalen Muskulatur, die zu einer Lageveränderung des ersten Halswirbels geführt hatte. Ein Craniopuls war in Folge der chronischen Überbelastung kaum tastbar. Während der Behandlung brach sie häufiger in Tränen aus.
 
Ich behandelte Frau S. über ein halbes Jahr in größer werdenden Abständen und fokussierte mich dabei zunächst auf das Lösen der Kopfgelenkssituation. Außerdem empfahl ich die Einnahme eines Kombipräparates aus hochdosiertem Magnesium, Vitamin B2 und Q10 und riet, die Dosis langsam zu steigern, um keine Durchfälle zu provozieren, was auch die Obstipation normalisierte. Anfänglich traten reaktive Attacken am Folgetag der Behandlung auf, die aber in Dauer und Intensität im Verlauf der Therapie schwächer wurden und schließlich ganz ausblieben. Weiter konzentrierte ich mich besonders auf die linksseitigen Schädelforamina, die Sinus des gesamten Kraniums, sowie die entsprechenden Suturen und band in jede Behandlung eine Vagusstimulation zum Abschluss mit ein, was sich als projektiv hinsichtlich der reaktiven Attacken erwies. Nach sechs Monaten, als keine Attacken mehr auftraten, beschlossen wir, die Behandlung zu beenden, um sie bei Bedarf wieder aufzunehmen.
 
Fazit
Die Osteopathie hat gegenüber der medikamentösen Therapie den entscheidenden Vorteil, dass sie nahezu nebenwirkungsfrei ist und die medikamentöse Therapie in keiner Weise stört. Sie kann sogar eine wertvolle Unterstützung sein. Fälle in der Praxis haben immer wieder gezeigt, dass sich eine Dosisreduktion – und sei sie auch nur vorübergehend – durchaus erreichen lässt und für Patienten einen Lichtblick in der Migränetherapie darstellt. Die meisten Patienten wissen, dass ihre Migräne den wechselnden Einflüssen ihres Lebens unterworfen ist und es temporäre Verbesserungen und Verschlechterungen geben kann. Viele Patienten sehen in der osteopathischen Intervention eine Möglichkeit, Krisenzeiten trotz chronischer Erkrankung besser und stabiler durchzustehen und nehmen daher gern gezielt einen entsprechenden Behandlungszyklus in Anspruch, wenn sie dieser Unterstützung bedürfen.
Auch wenn wir unseren Patienten den Schmerz vielleicht nicht gänzlich nehmen können – hier sollte man mit Versprechen tatsächlich Zurückhaltung üben – so können wir ihnen doch durch Reduktion von Attackenfrequenz und -intensität, wie auch einen Zuwachs an Kontrolle über die eigene Gesundheit einen enormen Zugewinn an Lebensqualität schenken.
 
Literatur:
1) Jan Hoffmann and Ana Recober: Migraine and triggers: Post hoc ergo propter hoc?, MD2 PMCID: PMC3857910 2013
2) Leão AAP. Spreading depression of activity in the cerebral cortex. J Neurophysiol 7: 359–390, 1944
3) Leão AAP. Pial circulation and spreading depression of activity in the cerebral cortex. J Neurophysiol 7: 391–396, 1944
4) Leão AAP. Further observations on the spreading depression of activity in the cerebral cortex. J Neurophysiol 10: 409–414, 1947
5) Yorns WR Jr, Hardison HH: Mitochondrial dysfunction in migraine; PMID: 24331360 2013
6) Progressive muscle relaxation reduces migraine frequency and normalizes amplitudes of contingent negative variation (CNV) Bianca Meyer, corresponding author Armin Keller, Hans-Georg Wöhlbier, Claudia Helene Overath, Britta Müller, and Peter Kropp PMCID: PMC4835398 2016
7) Richard B. Lipton, et al: Reduction in perceived stress as a migraine trigger. Testing the „let-down headache“ hypothesis, PMCID: PMC4001194 2014
8) Davood Moshkani Farahani, et al: Comparison of Neurofeedback and Transcutaneous Electrical Nerve Stimulation Efficacy on Treatment of Primary Headaches: A Randomized Controlled
 
Die Autorin:
Sandra Pucher ist Heilpraktikerin und hat ihre Praxis mit dem Schwerpunkt Osteopathie in Mammendorf, westlich von München. Sie ist außerdem Autorin im Redaktionsteam des hpo-Newsletters OSTEOPATHIE (www.hpo-osteopathie.de), der Patienten und Interessenten mit monatlichen News rund um das Thema Osteopathie versorgt.



Berufsvereinigung fr heilkundlich praktizierte Osteopathie, hpO.