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Osteopathie. Für alle, die Harmonie mit der Natur anstreben

[15.04.2019]

von Sandra Pucher
aus: AKOM, Heft April 2019

„Für alle, die Harmonie mit der Natur anstreben.“ So beginnt eine der bekanntesten Biographien des Begründers der Osteopathie, Andrew Taylor Still, geschrieben von John Lewis. Um zu verstehen, was die Osteopathie als Therapie und Diagnosemethode so besonders macht, muss man ein wenig in ihre Geschichte zurückblicken. Sie beginnt als Geschichte eines unbequemen Rebells, der zeitlebens in Konfrontation mit der traditionellen Ärzteschaft ging und der es sich zur lebenslangen Aufgabe gemacht hatte, das Rätsel von Leben und Tod, Krankheit und Gesundheit zu entschlüsseln. Er wollte ein Werkzeug weiter geben und nicht etwa ein starres Regelwerk zur Behandlung des Körpers. So ist die Osteopathie mehr Philosophie als Wissenschaft geworden, ein Geistesinstrument zur Erforschung und Wahrnehmung des Menschen in seiner Ganzheit – und zwar in seiner vollkommenen Individualität. Damit ist sie weit mehr als nur eine weitere manuelle Therapiemethode, selbst wenn dies heutzutage oft so scheinen mag.
 
Die mechanistische Medizin im 19. Jahrhundert
Die moderne Medizin gründet sich weitestgehend auf dem iatro-mechanistischen Modell Descartes‘. Für Descartes war der Körper, vereinfacht ausgedrückt, eine Maschine, die er von der Seele getrennt betrachtete. Sämtliche Körperfunktionen wurden demzufolge ebenso mechanistisch betrachtet. Auf dieser Grundlage begann zunächst auch Still sein Wirken. Demgegenüber steht das Weltbild der Vitalisten, die den lebendigen Menschen stets als eine dynamische Einheit von Körper, Geist und Seele betrachten. Dem mechanistischen Körperbegriff wird hier der philosophische Begriff des Leibes gegenüberbestellt, der die Selbsterfahrung der Körperlichkeit mit einschließt, also die Frage „Wie empfinde ich, Mensch, wenn ich (m)einen Körper bewohne?“
 
Die tiefgreifenden Lebenserfahrungen und Schicksalsschläge Stills führten dazu, dass er seine mechanistische Sichtweise erweiterte und philosophische Konzepte seiner Zeit integrierte, die teilweise im scharfen Kontrast zu dem standen, was gemeinhin in der Medizin als akzeptabel galt und ihm mitunter einen recht zweifelhaften Ruf unter Kollegen einbrachten. Dies hielt ihn jedoch in keiner Weise davon ab, seinen Weg weiterzugehen.
 
Im Spannungsfeld der Weltanschauungen
Andrew Taylor Still wuchs als drittes von neun Kindern in Missouri auf, wo die gegensätzlichen Weltbilder der amerikanischen Ureinwohner und der europäischen Einwanderer aufeinandertrafen. Bereits als Heranwachsender sammelte er als Lehrling Sandra Pucher seines Vaters, der Arzt und Prediger in einem Shawnee-Reservat war, erste Erfahrungen in der Medizin, wie auch in den Heilmethoden der American Natives. Als er später seine eigenen Kinder an die grassierende Meningitis verlor, war sein Vertrauen in die damals noch sehr unvollkommene Medizin des 19. Jahrhunderts tief erschüttert und sein Willen, neue Mittel und Wege zu finden, um Heilung zu bewirken, stärker denn je.
 
Er verurteile die Arroganz und den Standesdünkel der damaligen Ärzteschaft und scheute sich nicht, ungewöhnliche Wege zu beschreiten und sich auch Disziplinen wie dem Spiritismus, dem Mesmerismus oder der Phrenologie zuzuwenden. Man nannte ihn einen „verrückten Knochenspinner“ und „Hochstapler“. Dennoch waren seine Erfolge, die sich bald einstellten, nicht von der Hand zu weisen.
 
Lange bevor man überhaupt entdeckte, dass der Körper ein Immunsystem besitzt, fand er heraus, dass der Körper Selbstheilungskräfte besaß, die man aktivieren konnte. Seine Denkansätze waren zwar immer noch funktional und im Grundsatz mechanistisch, doch er betrachtete den menschlichen Körper als eine Art „vollkommene göttliche Maschine“, die die Fähigkeit zur Selbstheilung und Selbstregulation besitzt. Damit war er seiner Zeit weit voraus, die immer noch von einem sehr unvollkommenen fehlbaren Menschenbild ausging. 1905 erhielt er als Kandidat für die Nobelpreis-Nominierung unter den Lesern einer bedeutenden New Yorker Publikation sogar die meisten Stimmen, wurde dann aber aufgrund der damaligen politischen Umstände schließlich nicht vorgeschlagen. Trotzdem hängt sein Porträt im Smithsonian Institut in Washington D.C. und ehrt seine Verdienste für die Medizin.
 
Rebell und Genie
Dieser rebellische, innovative und zuweilen ehrgeizige Geist ist auch heute noch Teil der Osteopathie. Wer heute zum Osteopathen geht, manchmal nach einer langen, nicht selten frustrierenden, ergebnislosen Reise durch verschiedenste Praxen, dem kann es passieren, dass der osteopathische Behandler sämtliche Unterlagen, Befunde und Dokumente sehen, noch einmal die ganze Krankheitsgeschichte bis ins kleinste, scheinbar unbedeutende Detail hören und noch einmal ganz von vorne anfangen will. Das hat seinen Sinn, denn die Osteopathie denkt anders, betrachtet anders, nimmt anders wahr. Wie genau, ist oft höchst individuell und fußt auf der Erfahrung des Behandlers, seinem anatomischem Wissen, seiner Wahrnehmung und seiner Intuition, die er in diesem einen Moment in Einklang zu bringen hat, um daraus das beste Ergebnis für seinen Patienten hervorzubringen.
 
Krankheit oder Gesundheit?
Vor allem aber ist es das Ziel des Osteopathen, die Gesundheit zu finden, denn „Krankheit finden kann jeder“, so Still.
 
Damit reiht sich auch die Osteopathie in die Ansätze der Salutogenese mit ein, die das menschliche Dasein als fortwährenden Prozess von Krankheit und Gesundheit, von Abbau und Aufbau und im höheren Sinne von Freud und Leid versteht, in dessen Spannungsfeld sich das komplexe Wesen Mensch befindet.
 
Sie betrachtet ein Wesen, das aus Körper, Geist und Seele gleichermaßen besteht und mit der Fähigkeit der Selbsterkenntnis ausgestattet ist. Es geht also nicht darum, das Pathologische auszumerzen, sondern mit den Gegebenheiten klug umzugehen bzw. dem Patienten bei diesem Umgehen bestmöglich zu helfen. Vielmehr dreht sie sich also um eine gesunde Balance.
 
Viele Väter und Mütter
Andrew Taylor Still hat zwar die Osteopathie begründet, ihm folgten aber eine Vielzahl weiterer besonderer Persönlichkeiten, die wertvolle Inspirationen und Inhalte mit in diese Disziplin brachten. So sehen wir uns heute als Behandler vor einer unglaublich breiten und profunden Palette an Techniken, Methoden und Denkweisen, die sich zum Teil perfekt ergänzen oder einander so sehr herausfordern, dass sie gewohnte Denkstrukturen in hohem Maße auf den Prüfstand stellen und auf diese Weise nicht selten zu überraschenden Einsichten führen. Zu nennen sind hier sicherlich William Garner Sutherland, ein Student Stills, John Martin Littlejohn, Viola Frymann, Jean-Pierre Barrall und viele mehr.
 
Teilbereiche in der Theorie, Ganzheit in der Praxis
In der Theorie wird die Osteopathie meist in drei Teilbereiche eingeteilt, die im Folgenden näher beschrieben werden.
 
Die parietale Osteopahie
Die parietale Osteopathie untersucht und behandelt das komplexe Zusammenspiel von Knochen, Muskulatur, Bandapparat sowie deren Ver- und Entsorgung über den Blutkreislauf. Sie hat daher große Ähnlichkeit mit der Physio- oder Manualtherapie. Es werden Gelenke mobilisiert, Muskulatur gedehnt und massiert, Bänder behandelt und knöcherne Strukturen untersucht. Dieser Bereich stellt auch den bei weitem bekanntesten Teil der Osteopathie dar, was häufig zu der Annahme führt, die Osteopathie beschäftige sich in erster Linie mit dem Bewegungsapparat. Das widerspricht natürlich dem Grundsatz der Ganzheitlichkeit und würde viel zu kurz greifen.
Zur Osteopathie gehören noch zwei weitere, sehr wichtige Teilbereiche.
 
Die viszerale Osteopathie
Die viszerale Osteopathie begutachtet und therapiert die inneren Organe sowie deren bindegewebige Aufhängung und natürlich ebenfalls deren Ver- und Entsorgung. Hierzu gehören sämtliche Bauchorgane, wie Magen, Darm, Leber, Gallenblase, Harnwege, Geschlechtsorgane, aber natürlich auch die Organe des Brustkorbs wie Lunge, Herz, Speiseröhre, Atemwege. Die Funktion dieser Organe hängt aus der Sicht der Osteopathie maßgeblich von deren Ver- und Entsorgung über Blutkreislauf und Lymphsystem ab, aber auch von deren Position im Körper. Denn auch sie werden von den Faszien an Ort und Stelle gehalten und dies so stabil wie nötig und so flexibel wie möglich. Hier muss der osteopathische Behandler manchmal tätig werden, wenn die Stabilität oder die Flexibilität einzelner Strukturen zu optimieren ist.
 
Die kraniosakrale Osteopathie
Ein ebenfalls wichtiger Bereich ist die sogenannte kraniosakrale Osteopathie, die sich mit den feinen Rhythmen und Pulsationen der Hirnflüssigkeit befasst. Diese nimmt ihren Ursprung im zentralen Nervensystem und setzt sich schließlich im gesamten Körper fort. Dort stellt sie einen wichtigen osteopathischen Ausdruck über dessen Gesamtvitalität dar.
Dieser Teilbereich erhielt seinen Namen von „Kranium“, der lateinischen Bezeichnung für den knöchernen Schädel, und von „(Os) Sacrum“, dem lateinischen Begriff für das Kreuzbein. Beide Strukturen sind über den bindegewebigen Schlauch, der das Rückenmark sowie das Gehirn umgibt, miteinander verbunden und bewegen sich daher im synchronen Rhythmus der Hirnflüssigkeit, der für den geübten osteopathischen Behandler wahrnehmbar ist. Zu diesem Bereich werden auch die Sinnesorgane gezählt, wie auch das Kiefergelenk und das zentrale Nervensystem.
 
Eine gewisse Sonderstellung nimmt inzwischen der Bereich der Osteopathie rund um das Thema Schwangerschaft, Geburt und Neugeborenenalter ein, der sich zunehmender Beliebtheit erfreut, gern von jungen Eltern genutzt wird und inzwischen zu einer wichtigen Ergänzung der Hebammentätigkeit geworden ist.
 
Diese Teilbereiche sind in der Praxis natürlich untrennbar miteinander verbunden, wie sie es schlussendlich auch in der Anatomie sind.
 
So wird der ganzheitliche Blick der osteopathischen Philosophie greifbar und praktikabel. Dies führt zu den manchmal eigenartig anmutenden Diagnosen und Bezügen, die für die Osteopathie so typisch sind, z.B. wenn der osteopathische Behandler die Ursache einer Knieproblematik im Zwerchfell beheimatet sieht oder die Schulterschmerzen mit dem Zwölffingerdarm zusammenhängen.
Das mag dem Laien oft weit hergeholt erscheinen und verleiht der Osteopathie ihren häufig etwas mystisch anmutenden Charakter. Doch letztlich stecken dahinter ganz bodenständig Anatomielehre und Biomechanik, wie sie auch die Grundlage der heutigen modernen Medizin bilden.
 
Faszien – die große Entdeckung
Ein wenig entmystifiziert hat sich dieser Umstand durch das in den letzten Jahren sehr in das Licht der Aufmerksamkeit gerückte Fasziensystem. Was man vorher für weitestgehend lebloses Gewebe hielt, welches dem Körper seine Form gibt, entpuppte sich als ebenso wichtiges Informationsnetzwerk, wie das Nervensystem oder der Blutkreislauf, das sich durch den gesamten Körper aufspannt und weitreichende Symptomverkettungen hervorbringen kann. Es verbindet Knochen gleichermaßen wie innere Organe, findet sich an der Oberfläche wie in der Tiefe, kann locker oder weich beschaffen sein und bringt unterschiedlichste Strukturen miteinander in Verbindung, beherbergt wichtige Ver- und Entsorgungswege, schützt, leitet, formt und hält und ist von einer enormen Dichte an Rezeptoren durchsetzt.
 
Prinzipien statt Regeln
„Ich unterrichte Prinzipien, so wie ich sie verstehe, und keine Regeln“, sagte Still einmal.
 
Die Osteopathie versteht sich in der Tat nicht als Ansammlung von Gesetzen, Techniken und Regeln, sondern vielmehr als eine angewandte Philosophie, die auf Wissen und Erfahrung beruht und den Prozess des Beobachtens und Forschens fortwährend weiterführt.
 
Aus diesem Grund ist die Osteopathie von einer stetigen Weiterentwicklung geprägt und hat sich seit dem 19. Jahrhundert natürlich auch verändert.
 
Fazit
Für alle, die Harmonie mit der Natur anstreben und ihre eigene Natur überhaupt entdecken wollen, bietet die Osteopathie greifbare, spürbare und gangbare Wege an, die lebensnah und praxisorientiert sind und stets den Gesetzen der Biologie, der Anatomie und der Physiologie Rechnung tragen. Osteopathie ist und bleibt eine Philosophie des Körpers und seiner ureigenen Natur.
 
Info Autorin
Sandra Pucher
arbeitet seit 2008 als Heilpraktikerin in ihrer Praxis für Osteopathie in Mammendorf westlich von München. Für die Berufsvereinigung für heilkundlich praktizierte Osteopathie, hpO, arbeitet sie als Autorin im Redaktionsteam des Newsletters OSTEOPATHIE und versorgt Patienten und Interessenten mit monatlichen News rund um das Thema Osteopathie. Kontakt: info@sandrapucher.de



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